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Neustadt an der Weinstrasse

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Rede von Kurt Werner ( Vorsitzender der „Gedenkstätte für NS Opfer in Neustadt“ ) zum Gedenktag am 27.01.2022

In diesem Jahr der Pandemie hat der Vorstand der „Gedenkstätte für NS Opfer in Neustadt“ beschlossen, nur im kleinen Rahmen an den 27. Januar zu erinnern. Dieser Tag ist seit 2005 ein Internationaler Tag des Gedenkens der Vereinten Nationen. Und wird seit 2008 auch in Neustadt in Kooperation mit der Stadt gestaltet. Dieses stille Gedenken soll dazu dienen, diesen wichtigen Tag in der Gedenk- und Erinnerungskultur trotz der derzeitigen Pandemielage nicht einfach verstreichen zu lassen. Wir hoffen, im nächsten Jahr wieder eine Großveranstaltung mit Begleitprogramm zu diesem wichtigen Datum organisieren zu können.“ Gerade deswegen freue ich mich, dass nun doch einige zu uns gekommen sind, Menschen, denen der Anlass offenbar besonders wichtig ist.

 

Begrüßungsliste

Es folgt: Grußwort  des Bürgermeisters Stefan Ulrich

 

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass auch an der Gedenkstätte selbst eine Aktion zum heutigen Erinnern stattfindet:

„LICHTER GEGEN DUNKELHEIT“

Diese Beleuchtungsaktion findet seit 2020 statt. Hintergrund: Auch durch die Coronakrise verschwinden im Besonderen die kleineren Gedenkstätten- und -orte aus dem Blickfeld der Gesellschaft. Um sie wieder besser sichtbar zu machen, wurde die Aktion#LICHTERGEGENDUNKELHEIT ins Leben gerufen um mit geringem (finanziellen) Aufwand diese besonderen Orte wieder zu betonen. Aber: Diese Aktion findet nur digital statt, sprich die Ergebnisse sind auf den sozialen Medien zu sehen und somit besonders niedrigschwellig zu erreichen.

 

Seit 2020 nimmt auch die Gedenkstätte in NW teil; dieses Jahr mit Hilfe des THW NW; das gerade vor Ort war und es sich nicht nehmen ließ unseren Mitarbeiterinnen, die mit wackeliger und zu kurzer Leiter sich abmühten mit ordentlichem Gerät und Tatkraft dann geholfen haben. Hier nochmals Danke für dies spontane Hilfsbereitschaft des THW. Wer möchte, kann gerne zur Gedenkstätte fahren und sich dort die Neustadter Lichter gegen die Dunkelheit anschauen.

Was in den frühen Konzentrationslagern zunächst begann endete in Ausschwitz. Es führt eine Linie des nationalsozialistischen Rassenwahns, der mit Schikanen, Bücherverbrennung, Ausgrenzung, Demütigung und Verfolgung, also der höhnischen Missachtung sämtlicher humanitärer Menschenrechte direkt auch hier in Neustadt begann bis in die Folter- und Gaskammern des Deutschen Reiches. Der damalige Neustadter Gauleiter stand besonders stramm für diesen Kurs. Bekanntlich rühmte er sich seinen Gau Pfalz als ersten „Judenfrei“ gemacht zu haben.

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit. Was sie dort entdecken mussten, lässt der Welt, uns, noch heute den Atem stocken vor Abscheu und Entsetzen. Mehr als eine Million Menschen waren allein in Auschwitz zwischen März 1942 und November 1944 in einem beispiellosen Vernichtungswillen ermordet worden.

 

Unser Gedenken ist an diesem Tag bei den Millionen von Opfern dieses unsäglichen Mordens: Juden zuallermeist, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kriegsgefangene, politische Gegner (wie zum Beispiel Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Zentrumsleute), Menschen, deren Leben eine Politik mörderischen Rassenwahns sich angemaßt hatte, für „lebensunwert“ zu erklären. Aber unser Gedenken beschränkt sich nicht auf diesen einen Tag. Auch nach der Befreiung von Auschwitz ging das Morden weiter, in Belsen, Buchenwald und anderswo bis zum endgültigen Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Und mehr noch als gedenken sollten, ja müssen wir uns erinnern an das, was in deutschem Namen vor allem den Juden angetan wurde: „Ein ganzes Volk“, wie SS-Führer Himmler propagiert hatte, „von der Erde verschwinden zu lassen“ – und mit ihm seine Religion, seine Kultur.

Schweigeminute

Unter diese deutsche Geschichte lässt sich kein „Schlussstrich“ ziehen. Jeder Versuch, sich aus der historischen Verantwortung zu stehlen, ist zum Scheitern verurteilt. Dabei darf das Erinnern keine „Strafe“ sein oder als „Aufrechnung“ einer „deutschen Schande“ denunziert werden. Das Erinnern ist vielmehr unser aufgeklärter Schutzschild – auch gegen ein Bedürfnis, das sich angesichts der ungeheuren Verbrechen sträubt, unsere Geschichte anzunehmen.

Ohne Geschichte gibt es keine Zukunft.

Auch der jungen Generation, die an den Verbrechen der NS-Zeit nicht beteiligt war, muss gesagt werden: Was damals geschehen ist, wird und darf nicht vergessen werden.

„Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg“ – das war der leitende Wille all derer, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und den Terror des Hitlerfaschismus überlebt hatten. Das Grundmotiv der europäischen Einigung war eine konkrete Utopie des Friedens. Diesem Ziel schien Europa nie näher als 1989: Mit dem Fall der Mauer in Berlin verband sich die Hoffnung, das Ende des Kalten Krieges könnte sich ein Zeitalter des Friedens eröffnen. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Stattdessen sind wir heute mit immer neuen Konfliktherden, mit immer neuen Ausbrüchen von Gewalt konfrontiert. Auch in Europa standen und stehen wir vor dem Dilemma, dass der Einsatz von Gewalt nun doch wieder als – wenn auch letztes – Mittel erscheint, um Gewalt einzudämmen.

Trotz der Dunkelheit, die sich auch in unserer Gesellschaft immer wieder ausbreitet, ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass wir heute hier versammelt sind und mit unseren Lichtern – wenn es auch nur kleine Kerzen sind – ein Zeichen zu setzen gegen die Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart.

Kurt Werner

Kurt Werner

Vorsitzender der „Gedenkstätte für NS Opfer in Neustadt“
zum Gedenktag am 27.01.2022 18.00 Uhr,
Marktplatz Neustadt an der Weinstraße
Unkorrigiertes Redemanuskript – es gilt das gesprochene Wort

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